Wir gedenken: Dragomir Christinel

Ne aducem aminte de Cristinel Dragomir, care a fost ucis brutal de către rasişti, în oraşul german Saal, pe data de 14 martie 1992.
Suntem oameni ce luptă împotriva rasismului în Landul Mecklemburg-Vorpomen şi suntem de părere că este ogligația noastră civilă, să ne aducem aminte de toate victimele rasismului.

Suntem in căutarea familiei, prietenilor și a apropiațiilor lui Cristinel Dragomir.

Erinnern und Mahnen

In der Nacht zum 15. März 1992 drangen zwischen 25 und 40 rassistische Jugendliche aus der näheren Umgebung in die Unterkunft für Asylsuchende in Saal bei Ribnitz-Damgarten  und erschlugen  Dragomir Christinel. An seinem 27. Todestag 2019 gedachten erstmals Antifaschist*innen von PRO BLEIBERECHT und vom Alternativen Jugendzentrum Kita vor der ehemaligen Unterkunft in Saal seines Todes. Sie wollten einen ersten Schritt gehen, um Dragomir Christinels Geschichte zu rekonstruieren und seines gewaltsamen Todes zu gedenken.

Gedenk-Veranstaltungen

2020 gab es zwei Informationsabende in Rostock und Ribnitz-Damgarten. Insbesondere für den sehr persönlichen Austausch mit Ribnitz-Damgartener*innen darüber, wie sie die 90er Jahre und rechte Gewalt erlebt haben, sind wir dankbar.

Am 14. März fand erstmals mit etwa 50 Teilnehmenden eine Mahnwache zum Gedenken an Dragomir Christinel vor dem Rathaus statt. EIn Kranz wurde niedergelegt. Verschiedene Akteure der Zivilgesellschaft hielten Wortbeiträge und griffen die Forderungen vom AJZ Kita und Pro Bleiberecht auf.

Forderungen

  • Errichtung und Finanzierung eines Gedankorts von kommunaler Seite. Kommunale Politik muss an den schrecklichen rassistischen Mord erinnern und ihn aufarbeiten. Die Errichtung eínes öffentlichen Gedenkortes kann hier der Anfang eines Prozesses sein.
  • Einbezug von Angehörigen, Familie und Zeitzeug*innen von Dragomir Christinel in die Planung des Gedenkens und Anerkennung ihrer Forderungen aus Betroffenenperspektive.
  • Etablierung einer jährlichen Gedankveranstaltung an dem zu errichtenden Gedenkort. Als Erinnerung und Mahnung, als Zeichen gegen Neonazis und rassistische Gewalt, als Zeichen für die Würde eines jeden Menschen - unabhängig von Herkunft und Aufenthaltsstatus.
  • Minimalforderung: Mindestens im Jahr 2022 eíne öffentliche und durch die Kommune organisierte Gedankveranstaltung anlässlich des 30. Todestag von Dragomir Christinel.

Erinnern und Mahnen über rassistische Verbrechen der Vergangenheit sind wichtige Beiträge um rechte und autoritäre Ideologien in der Gegenwart zu bekämpfen. Rassismus und rechte Weltbilder gehen immer mit Gewalt einher. Für viele Migant*innen und Asylsuchende bedeutet Mecklenburg-Vorpommern genau das: Die Gefahr rassistischer Gewalt, Beleidigungen, Bedrohungen. Wir müssen uns bewusst machen, dass rechte Gewalt ein Teil dieser Gesellschaft ist, den wir fortwährend zurückdrängen müssen.

Das bislang fehlende öffentliche Erinnern an Dragomir Christinels Leben und Tod macht sehr deutlich, wie wenig Interesse in Mecklenburg-Vorpommern seitens der Landeregierung und kommunaler Akteure an der Aufarbeitung der rassistischen Angriffe in den 1990er Jahren besteht. Zwar gibt es mittlerweile institutionalisiertes Gedenken in Rostock-Lichtenhagen und für Mehmet Turgut in Rostock-Toitenwinkel - was gut und wichtig ist. Doch andere Orte und andere Namen bleiben kaum erinnert. Dragomir Christinel ist einer von ihnen.

 

Dragomir Christinels Tod

"Saal, Dragomir Christinel, von Neonazis zu Tode geprügelt". Es ist nur ein Satz, der in Tuğsal Moğuls Auflistung von Todesopfern rechter Gewalt* zu finden ist. Ein Name in einer langen Reihe. Viel ist nach mehr als zwangzig Jahren nicht über Dragomir Christinel zu finden. Der Überfall auf die Unterkunft und der gewaltsame Tod Christinels  gelangten – infolge einer Informationssperre des Innenministeriums – erst zwei Tage später an die Presse, nachdem die Polizei erste Verdächtige vernommen hatte.

 

Das Opfer spielte auch im Verlauf  des Prozesses kaum eine Rolle. Weder Geburtstag noch Geburtsort finden sich bislang öffentlich zugänglich dokumentiert. Lediglich ein Beitrag des Formats Spiegelt TV, in dem ein Freund und Mitbewohner aus der Unterkunft erzählt, widmete sich im Jahr 1992 zumindest in einer kurzen Sequenz den Opfern. Zu erfahren ist hier, dass Christinel wenige Wochen zuvor sein erstes Weihnachten in der Bundesrepublik feierte und gerne an Autos schraubte. Er lebte seit Dezember 1991 als rumänischer Asylsuchender in Rostock. In Saal war er zu Besuch bei Freunden.*
Bereits am Abend vor Dragomir Christinels Tod hatten zwei der späteren Tatbeteiligten – nach einer Auseinandersetzung mit Bewohner*innen des Heims in einer nahegelegenen Diskothek – einen bewaffneten Überfall angedroht. Der Wachschutz hatte offenbar auch das Schweriner Innenministerium darüber informiert. Trotz der Ankündigung verstärkten weder die Polizei noch das Ministerium die Sicherheitsmaßnahmen.  Nachdem sich die Täter*innen bereits gegen 21 Uhr im benachbarten Petersdorf gesammelt und bewaffnet hatten, drangen sie auf ein Kommando des späteren Hauptangeklagten durch ein Fenster der Unterkunft ein und begannen das Gebäude zu durchkämmen. Während sich ein Großteil der Bewohner*innen in einem Gemeinschaftsraum zu einer Geburtstagsfeier versammelt hatte, trafen die Angreifenden in einem Zimmer auf den 18-jährigen Dragomir Christinel und einen weiteren Asylsuchenden.

 

Dieser wurde schwer verletzt und später im Krankenhaus behandelt. Eine anwesende Frau konnte fliehen.** Einer der Täter griff Christinel an, der sich auf einem Bett mit einem Kissen zu schützen hoffte. Ein massiver Schlag mit einem "stumpfen Gegenstand" - in der Presseberichterstattung ist von einem Baseballschläger zu lesen - verletzte das Opfer jedoch tödlich an Hals und Kopf. Auf ihrem Rückzug schlugen die Angreifenden schließlich mehrere Scheiben der Unterkunft ein.

 

Erst nach dem Angriff fanden seine Freunde Dragomir Chrsitinel tot in seinem Bett.

 

Der Täter Jonny aus Ribnitz, der die tödlichen Schläge gegenüber Dragomir Christinel ausführte, wurde später zu zweieinhalbjährigen Haftstrafe ohne Bewährung nach Jugendstrafrecht verurteilt. Unklar ist, ob das Urteil rechtskräftig wurde. Der Verteidiger kündigte damals Berufung an.***

 

Der Angriff auf die Unterkunft in Saal war einer von 157 Angriffen rechter Motivation auf Asylsuchende und Linke im Jahr 1992 in Mecklenburg-Vorpommern. Er war einer von mehr als fünfzig Angriffen von Nazizusammenrottungen auf Unterkünfte in diesem Bundesland.****

 

* Tuğsal Moğul: Die NSU-Morde: Auch Deutsche unter den Opfern: Ein Rechercheprojekt.
** TAZ, 18.3.1992
*** NNN 26.6.1992
**** https://www.lobbi-mv.de/nachrichten/chronologie-rechter-angriffe-in-mecklenburg-vorpommern-im-jahr-1992. Hinweis: Die Zahlen sind mit äußerster Vorsicht zu genießen, da staatliche Strukturen sich 1992 noch im Aufbau befanden. Weitere Informationen finden sich unter Archiv für Sozialpolitik: Jeder ist uns der Nächste!, Dokumentation von Übergriffen gegen Ausländer in der BRD in den Jahren 1991 und 1992, Frankfurt am Main 1993; Hermann Langer: Flächenbrand von rechts. Zum Rechtsextremismus im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, Rostock 1993; Hermann Langer: "Nur ein rechter Rand? Zur Entwicklung des Rechtsextremismus in Mecklenburg-Vorpommern von 1990 bis zur Gegenwart, in: Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern, Jg. 6, Nr. 1 (2002), S. 47–59; ek: Trauriger Rekord, in: Warnow Kurier, 20. Jan. 1993