Die syrische Revolution – 8 Jahre für Freiheit und Würde

Das Folgende Interview wurde kurz nach der Demonstration in Berlin am 16. März 2019 geführt. Unter dem Slogan „Die syrische Revolution lebt!“ kamen an diesem Tag in Berlin etwa 800 Menschen zusammen, um an ihrem achten Jahrestag der syrischen Revolution zu gedenken.

Das Interview wurde mit 10 Syrern geführt. Wir möchten ihre Gedanken und Antworten dokumentieren, weil in all den Debatten über Geflüchtete viel zu selten über die Ideale und Kämpfe gesprochen wird, die überhaupt der Anlass zur Flucht sind.

Warum ist es euch wichtig, acht Jahre nach der syrischen Revolution noch der Revolution zu gedenken?

Ich bin einer der Revolutionäre. Ich kann die Revolution niemals vergessen. Meine Familie ist dort. Ich gebe niemals auf.

Die Menschen, die in der Revolution ihr Leben geopfert haben, haben es verdient, dass wir nach acht Jahren noch auf die Straße gehen. Wir haben heute mit der Demonstration auch daran erinnert, dass unser Verlangen nach Demokratie und Freiheit noch brennt. Dass wir bereit sind, weiter Opfer zu bringen. Es bringt Hoffnung in Syrien, wenn sie dort sehen, dass sie nicht vergessen sind.

Russland hat vor Kurzem die Diskussion um den Wiederaufbau Syriens begonnen und spricht über die Rückkehr der Flüchtlinge. Aber Syrien ist jetzt nur ein Gefängnis. Dorthin kehren wir nicht zurück. Wir kehren erst zurück, wenn wir Freiheit und Frieden haben.

Viele Flüchtlinge in Deutschland haben vor acht Jahren etwas verloren, haben Jemanden verloren. Familienmitglieder. Wir wollen mit dem Gedenken an die Revolution ausdrücken, dass wir zu ihnen stehen. Dass ihrer Opfer gedacht wird.

Ich will Russland damit zeigen, dass sie aufhören müssen Syrien zu bombardieren. Das Töten passiert noch jetzt, obwohl es ein Abkommen zwischen dem Regime, der Türkei und Russland gibt. In Idlib hat sich Russland vor drei Tagen nicht daran gehalten. Sie haben 75 Menschen mit Phosphor-Waffen getötet.

Ich habe Freunde und Verwandte verloren. Ich bin der Überzeugung, dass die Revolution der einzige Weg ist um Freiheit und Demokratie zu bekommen und ein würdiges Leben zu leben.

Jeder Mensch hat es verdient, sich politisch zu engagieren. In Syrien haben wir nur eine Partei. Es ist ähnlich wie in der DDR. Assad wird auch von Russland unterstützt. Für uns steht ganz oben die Freiheit: Religiöse Freiheit, Meinungsfreiheit, politische Freiheit.

Was bedeutet dir die syrische Revolution?

Alles.

Sie hat mich zum Mann gemacht.

Frieden und Freiheit.

Als kleine Kinder sind wir in Unfreiheit aufgewachsen. Die Revolution zeigt, dass wir Freiheit wollen. Die Revolution ist der Weg zur Freiheit.

Die Revolution hat uns gezeigt, dass es in der Welt, in der wir leben, keine Menschenrechte gibt. Nirgendwo auf der Welt. Es gibt keine Menschenrechte, keine Frauenrechte, keine Tierrechte. Alles ist eine Lüge. Sie bombardieren Frauen, Kinder und Krankenhäuser. Die Revolution hat uns das Gesicht der Welt gezeigt. Die UN und all diese Organisationen sind Lügner. Sie reden, aber tun nichts. Das Recht sagt: Wer einen Verbrecher deckt, ist selbst ein Verbrecher.

Die Revolution hat uns aus der Assad-Sklaverei gebracht.

Vor dem Krieg hieß es: Die Wände haben Ohren. Man hatte zuviel Angst etwas zu sagen. Jetzt – nach dem Krieg - haben die Leute keine Angst mehr, weil alles zerstört wurde. Es gibt keine Wände mehr. zynisches Lachen

Die Revolution und der Widerstand haben uns klar gemacht, dass wir als syrisches Volk in einem riesigen Gefängnis leben.

Wie ist euer Leben in Deutschland mit der syrischen Revolution verbunden?

Meine Familie ist da.

Es ist eine enge Verbindung. Wir denken jeden Tag über die Zukunft nach und bereiten uns auf unsere kommende Rolle im Aufbau des Landes vor. Wir lernen Berufe hier, studieren. Niemand will ein Flüchtling sein, glaub mir.

Wir sind noch stark abhängig von der Revolution. Die Revolution ist die Zukunft. Wenn wir sie scheitern sehen, können wir nie zurückkehren.

Wir sind hier in Freiheit. Aber wir sind nicht alle hier. Unsere Familien sind in Syrien. Wir müssen arbeiten und hier etwas für sie erreichen.

Vor dem Krieg war alles dunkel. Seit der Revolution kann man das Licht sehen. Das hier ist das Leben nach dem Tod.

Die Neuigkeiten aus der Revolution zu verfolgen, ist uns allen wichtig. Wir alle haben Familie dort. Wenn unseren Angehörigen etwas zustößt, ist es egal, was wir hier haben. Dann ist das Leben hier die Hölle.

Die Revolution bleibt in unserem Kopf: Die Erinnerung an die Menschen, die wir verloren haben.

Wir denken immerzu an unsere Familien. Warum tun wir das? Wegen der Revolution. Ihretwegen bin ich hier und nicht bei meiner Familie. Wir sind gezwungen jeden Tag die Folgen der Revolution zu spüren.

Ich bereue nichts. Wir haben eine friedliche Revolution begonnen, wir haben aufgeschrien. Aber niemand hat uns geholfen. Die Welt hat uns im Stich gelassen.

Mit der Teilnahme an der Demonstration heute sind wir ein Risiko eingegangen. Wenn das Regime sieht, was wir tun, können sie unsere Familien bestrafen. Ich habe Bilder von der Demo auf Facebook gepostet. Meine Familie wird bestimmt sauer, weil sie Angst haben.

Wir sehen hier in Deutschland, dass die Menschen ein politisches Leben haben. Das zwingt uns, die Situation hier und in Syrien zu vergleichen. Zum Beispiel, wie die Leute hier Merkel kritisieren. In Syrien können wir Assad nicht kritisieren. Wir führen hier in Deutschland ein politisches Leben: Wir informieren uns. Zum Beispiel im Wahlkampf, als 2017 in Mecklenburg-Vorpommern der Landtag gewählt wurde. Wir haben viel über die Parteien und ihre Programme gesprochen. Ein Freund hat mir hat vor Kurzem in Whatsapp geschrieben: „Ich beneide dich“. zeigt die Nachricht

In Deutschland betrachten viele Menschen die syrische Revolution als den Aufstand in 2011 und damit als abgeschlossen. Ihr sprecht von der Revolution in der Gegenwartsform.

Ja klar. So lange wir für Menschenrechte, Würde und Freiheit einstehen, bleibt es unsere Revolution. Egal, wo – egal, wie lang.

Was ist das Besondere am syrischen Widerstand, an der syrischen Revolution?

Das besondere waren die Demonstrationen. Bis die Leute sich bewaffnet haben, dann nahmen die Demonstrationen ab. Besonders in Damaskus, wo ich herkomme. Die Menschen wussten, dass die Hauptstadt für die Regierung wichtig ist und dass sie sie nicht aufgeben wird.

Die Tage, an denen wir unerkannt nach draußen gegangen sind und unser Verlangen nach Demokratie und Freiheit rausgelassen haben, waren die schönsten Momente meines Lebens. Es fühlte sich an, wie ein Sklave, der sich aus der Gefangenschaft befreit.

Als Hafiz Assad die Macht übernommen hat, wurden zwei meiner Onkel mit 13 und 14 Jahren zu Tode gefoltert. Dass das Volk, das so schlimm gefoltert wurde, auf die Straße geht, das hat alle auch irgendwie verwundert.

Vor der Revolution hat mir mein Vater nie von seiner Zeit im Gefängnis von Hafes Assad erzählt. Er war in einem Raum unter der Erde. Jeden Tag kam jemand und hat ihn geschlagen. Er hat ihn nie gesehen, denn es war dunkel, wenn er kam. Erst durch die Revolution konnten wir darüber sprechen.

Im Moment ist es schwer, die Revolution in den Regionen weiterzuführen, in denen das Regime herrscht. Ich sage es nur ungern: Viele Menschen in Syrien wollen eine Besatzung, nur um Assad loszuwerden. Wie in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg, zum Beispiel Russland im Osten und die USA im Westen.

Wenn ihr es euch wünschen könntet, wie sollten die Deutschen die syrische Revolution sehen?

Das Problem ist, die Deutschen sehen nicht, was bei uns passiert. Sie sehen nur, was die Medien zeigen. Sie glauben nicht, dass Assad der Verbrecher ist. Sie sehen nur die Islamisten als Verbrecher. Die sind keine Muslime, nur Verbrecher, die Assad selbst aus dem Gefängnis gelassen hat.

Ich wünsche mir, dass die Menschen sich mehr beschäftigen. Es macht uns traurig, dass wir heute nur als Extremisten betrachtet werden. Wenn ich jemanden frage, was er über Syrien weiß, sagen die meisten: Islamischer Staat, Erdogan, Kurden. Aber wo ist die Bevölkerung? Wir sind Millionen Menschen. Wo sind wir in dieser Aufzählung? Das macht mich fassungslos. Es geht Vielen nur darum, Flüchtlinge von Deutschland fernzuhalten.

Der einfachste Weg Flüchtlinge aus Deutschland fernzuhalten, ist das syrische Volk dabei zu unterstützen das Regime zu stürzen. Damit wir in Freiheit leben können. Wenn jeder in seiner Heimat ein würdiges Leben haben kann, dann kommt auch niemand mehr. Unser Problem ist Assad.

Wir wünschen uns, dass die Deutschen begreifen, dass die Quelle des Terror Bashar Assad ist. 2013 war ein Großteil des Landes befreit. Dann hat Assad die Islamisten freigelassen.

Viele Deutsche werden von RussiaToday und den Rechten beeinflusst. Die AfD war in Homs, in meiner Heimatstadt. Aber ich kann dorthin nicht zurückgehen.

Es sind nicht nur Rechte. Auch Linke, die antiimperialistisch denken. Sie denken, Assad ist Widerstand gegen den Westen. Einige Mitglieder der LINKEN denken, Assad ist gegen Kapitalismus. Ich verstehe nicht, woher der Hass in Deutschland auf die USA kommt. Die USA haben Deutschland zweimal befreit. Ohne die USA würde ganz Europe heute entweder deutsch oder russisch sprechen.

Manche Deutsche denken, wir sind hier glücklich. Aber wir denken immer an Zuhause. Ohne Krieg würdest du hier keinen Syrer sehen. Ohne den Krieg hättest du uns nicht kennengelernt.

Ich wünsche mir die liberale Demokratie, wie es sie im Westen gibt. Das ist keine westliche Erfindung. Aber im Westen haben sie zuerst den Weg dorthin gefunden. Und genau das wollen wir erreichen. Dass jeder Mensch Freiheit hat.

Freiheit kommt nicht nur von Frieden. Wir fällen einen Baum, der 40 Jahre gewachsen ist. Die Menschen sterben unter Assad und in der Revolution. Wir sind bereit Opfer zu bringen, um in Freiheit zu leben.